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Weser-Marathonfahrt – Die schönste Schinderei i...

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Weser-Marathonfahrt – Die schönste Schinderei im Frühling

Weser-Marathonfahrt – Die schönste Schinderei im Frühling

Kanu fahren - Funsport oder manchmal doch Extremsport ?

Unterm Strich: Ich habe mein Ziel erreicht. Zum 5. Mal die Goldstrecke über eine Distanz von 135 Kilometer in der vorgegebenen Zeit geschafft. Keine Schmerzen, nur ein tiefes Glücksgefühl.
Zum 2. Mal in Hameln gerade noch eine Brat   wurst ergattert. Viele Gleichgesinnte kennengelernt. Trotz selbst verordnetem Zeitdruck die beeindruckende Landschaft des Weserberglandes genießen können.
Und es ist immer wieder alles irgendwie neu. Für mich ist diese Langstrecke einfach nur Funsport. Ich bin sicher, daß es die meisten Teilnehmer genauso sehen. 


Wenn man vom Wesermarathon hört, denkt man zunächst an die übliche Leichtathletikstrecke, also 42,195 Kilometer. Und dann liest man unter anderem Artikel mit der Überschrift, wie „Die Mörderstrecke nach Hameln...“. Hier paßt jedoch am besten: die schönste Schinderei im Frühjahr ...
So machen sich zum ersten Maiwochenende jährlich ca. 1500 bis 2000 Wassersportler mit Paddelbooten und Ruderbooten auf die Strecke von Hann. Münden durch das Weserbergland. Offizielle Bezeichnung in diesem Jahr 46. ICF Weser-Marathonfahrt. Mehr als ein Drittel der Teilnehmer nimmt sich die Bronzestrecke ( 55 km ) bis Beverungen unters Paddel, über 40 % steigen in Holzminden  (Silberstrecke 80 km) aus und der Rest fährt auf Goldkurs die 135 Kilometer bis Hameln. (2015: 1450 Teilnehmer)

Ich bin morgens immer müde ...

Der Wecker steht auf 04:30 Uhr. Diesmal weckt mich nicht die Kälte, sondern die vorsichtige Unruhe aus dem Nachbarzelt. Gut so, da störe ich niemanden weiter mit meinem Handy-Weckgeräusch. Das wäre ohnehin das bekannte Lied geworden. Schnellwäsche und dann alles zusammenpacken. Das Paddel, die Verpflegung und die Packsäcke sind bereit. Alles wasserdicht verpacken und in den Luken verstauen. Der Bootstransportwagen ist im Auto in Hameln. Das Seekajak liegt zum Start bereit an der Uferböschung. Trotz früher Stunde und alles im Licht der Stirnlampe geht es schon zügig vonstatten. Schnell noch ein paar Gabeln von den Nudeln essen und eine Banane. Die beiden Sportfreunde, Ute und Rolf, von nebenan sind auch fertig. Wir kennen uns schon lange von gemeinsamen Paddeltouren auf den Leipziger Gewässern, der Mulde, der Elbe und der Weser. Vorsichtig schiebe ich das Boot rückwärts den Hang hinab. Auf die Steueranlage muß man dabei gut aufpassen. Der Morgen dämmert langsam und gegen 05:30 Uhr sind schon einige Paddelboote, Einerkajaks, Zweierkajaks, Kanadier und auch Ruderboote auf dem Wasser.

Hier fließt zusammen, was zusammen gehört ...

Es sind nur wenige Meter auf der Fulda bis wir am Zusammenfluß mit der Werra ankommen und ab sofort mit halbwegs guter Strömung auf der Weser paddeln. Ute und Rolf haben Probleme mit dem Steuer. Beim Einsetzen könnte am Steuer etwas beschädigt sein, evt ein Steuerseil gerissen. Da kann ich leider nicht helfen. Sie fahren ihr gut beladenes Zweierkajak ans Ufer und packen erst einmal um. Noch einmal frage ich zwecks Hilfe: „Danke es geht schon so ...“. Dann treibt mich die Strömung weiter und ich merke mir für alle Fälle, man sollte ein Steuerseil als Ersatz dabei haben! Dann ein freudiges „Hallo„. Mit Bodo aus Döbeln und Peter aus Fürth habe ich schon viele Fahrten auf der Weser, der Elbe und auch auf der Mulde gemacht. Oft lange Strecken. Dabei schaut man schon mal genauer auf die Ausrüstung. Beide haben diesmal ihre „schnellen“ Boote mit und Bodo kämpft sicher wieder um eine persönliche Bestleistung. Die Ambitionierten bei dem Wesermarathon sind nach ca. 10 Stunden in Hameln. Wie zum Beispiel 2014 ein 71-jähriges Zwillingspaar. Sie waren in einem Rennboot unterwegs. Da kann man allerdings kein Zelt, keine Isomatte, Schlafsack, Verpflegung, keinen Packsack mit Wechselwäsche und keinen Fotoapparat unterbringen. Und einen Bootstransportwagen ebenfalls nicht. Gut, den kann man sich bei einem solchen Leichtgewicht sparen.

Die Sonne schiebt sich über die Berge

Gegen 09:00 Uhr  hat sich die Sonne durchgesetzt und schaut über die meisten Berge hinweg. Ab und zu überholt man einzelne Kajaks oder man wird selber überholt. Dann kommt man ins Gespräch. Tauscht sich über Herkunftsorte, die Namengebung der Paddelboote, die Vereine, die herrlichen Paddelmöglichkeiten an den jeweiligen Orten aus, und bis zu welchem Ziel man heute paddeln will. Erfahrungen zu den Kajaks und dem Kanuzubehör werden gerne weitergegeben. Vor allem zu den Paddeln, Bootstransportwagen und Spritzdecken. Es findet sich immer genügend Stoff für ein paar hundert Meter gemeinsamer Fahrt, oder für länger. Mit den Ruderboot- Besatzungen kommt man meist nur dann ins Gespräch, wenn sie gerade die Position des Steuermannes neu besetzen. Da ist jedoch bei der Besatzung höchste Konzentration gefordert. Wenn sie mit Essen und Trinken fertig sind, entschwinden sie wieder ziemlich schnell.
Nach ca. 5 Stunden komme ich in Beverungen an und liege gut in der Zeit. Ute und Rolf hatten mich lange vorher überholt. Das Steuerseil war zum Glück nicht gerissen. Beim Einsetzen des Zweierkajaks war das Gepäck verrutscht und hat das Steuerseil blockiert. Wegen der Bauart des Bootes kann man es auch auf Flüssen am besten nur mit Steuer fahren. Rolf muß das wissen. Er ist mit dem Zweierkajak schon mehrere Tausend Kilometer unterwegs gewesen.

Einmal um den Globus. Gratulation !

Irgendwo kurz vor Beverungen hat er seinen insgesamt 40.000 sten Kilometer absolviert. Also einmal um den Globus. Gratulation! Kurz nachdem ich meine erste Pause mache, fahren die beiden schon weiter. Den leichten Wind und die Sonne nutze ich, um meine Paddeljacke zu trocknen. Beim mitgebrachten Nudelsalat komme ich ins Gespräch mit einem Vereinsmitglied vom Wassersportverein Beverungen e.V. Er war in jungen Jahren Rennkanute, ist früher auch oft den Wesermarathon gefahren,  trainiert jetzt die Jugend. Als Ausgleich fährt er oft sein Outrigger Kajak stromauf und stromab. Das ist sein Funsport, den er zum Ausgleich braucht. Ich soll mir unbedingt die Halle mit den Outrigger Kajaks ansehen, aber ich möchte mich da nicht unnötig begeistern. Wir haben im Bootshaus eh keinen Bootsliegeplatz frei.
Ich fahre weiter und gebe den Platz auf der Buhne frei für nachfolgende Tourenkajaks. Am Anlegesteg tummeln sich die Ruderboote. Das dauert immer bis alle ausgestiegen sind und die langen Boote auf der Wiese ihren Platz finden. Es sind sehr viele Einerkajaks unterwegs und davon oft Seekajaks. Natürlich auch viele Wanderkajaks. Langsame und schnellere. Die Teilnahme zählt und der Weg ist das Ziel. Bald treffe ich zwei Paddlerinnen von der Kanu-Gesellschaft Celle e.V. Neugierig werde ich gefragt, ob mein als Seekajak ausgewiesenes Boot schnell ist.

Schnelle Boote und weniger schnelle Boote

Im Vergleich zu meinem PE-Kajak, welches 1 Meter kürzer ist und auch 23 Kilogramm wiegt, bin ich damit ca 10 % schneller. Vor allem kommt es auf den Bootsführer an. Wir fachsimpeln noch eine ganze Weile, dann versuche ich zu zeigen, daß es doch ein relativ schnelles Boot ist. Die Beiden wollen in Holzminden aussteigen und sind ihrem Ziel immerhin 55 Kilometer näher als ich dem meinen.
Viele Teilnehmer haben Begleitfahrzeuge und können sich bei Bedarf jederzeit an fast jeder Stelle abholen lassen. Welch eine Logistik, welch ein Luxus. Der Wind hält sein Versprechen und kommt immer von vorne. Egal, ob die Berge sich bis fast an das Ufer der Weser drängen oder nicht mehr zu sehen sind. Es gibt kaum Stellen, an denen er geringfügig auf sich Aufmerksam macht. Meist weht er mit lang anhaltenden Böen. Das zehrt ganz schön, aber in Holzminden ist eine weitere Pause angesagt. Ute und Rolf sind schon eine Weile hier und Peter sieht auch ganz entspannt aus. Er wird Bodo samt Seekajak in Hameln mit seinem Auto abholen und zurück nach Hann. Münden fahren. Dort stehen noch ihre Zelte. Da ich noch ca. sechs Stunden auf der Weser vor mir habe, werde ich die beiden heute nicht noch mal treffen.

Silberstrecke geschafft – auf der Weser wird es einsamer

Ich hänge mich an Ute und Rolf. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Sie wollen noch ca 27 Kilometer bis zum Campingplatz Rühler Schweiz paddeln. Rolf kennt so ziemlich alle Übernachtungsmöglichkeiten an der Weser und der Elbe und weiß, wo es ordentliche sanitäre Einrichtungen gibt. So vergeht die Zeit angenehm bei einem Plausch über dies und das. Dann treffen wir wieder Katja und Cord vom Wiking-Faltbootwanderer Kirchweyhe eV.  Beide allerdings nicht in einem Faltboot. Wir hatten uns im vergangenen Jahr beim Meißen-Magdeburg Mammut Marathon getroffen und sind an beiden Tagen lange Zeit zusammen gepaddelt. Auf solch einer Strecke ist ein Seekajak, wenn man eines nutzen kann, nicht unbedingt notwendig, aber die bessere Lösung. Vor allem, wenn man seine gesamte Ausrüstung dabei hat. Es wird Zeit einen Gang hinzu zulegen und ich verabschiede mich.

Vor mir das Münchhausenland Bodenwerder Polle, einer von vielen Orten der Deutschen Märchenstraße, die sich entlang der Weser zieht. Bald sind die Kühltürme vom Kernkraftwerk Grohnde in Sicht. Der Wind scheint sich zusammen mit der Sonne zu verkriechen. Das Ziel kommt immer näher und langsam macht es wieder Mut, die Flußkilometer zu zählen. Unerwartet sehe ich einen Paddler auf einer langen Geraden. Das kommt nach Holzminden eher selten vor. Um diese Zeit sowieso. Da sind die meisten schon ewig vor mir hinter allen Flußbiegungen verschwunden. Sein Paddelrhythmus ist ausdauernd und die Bewegung lang gezogen. Erst vermute ich einen ortsansässigen Wochenendpaddler mit einer ausgeprägten inneren Ruhe. Wir kommen ins Gespräch. Es ist nicht sein Boot und die Paddel sind halt sehr lang. An seinem Boot erkenne ich, daß er auch von der Kanu-Gesellschaft Celle e.V. kommt. Seine Paddelkameradinnen, die ich gegen Mittag getroffen habe, sind in Holzminden ausgestiegen.

Ein ziemlich einsamer Rekord

Er fährt bis Hameln. Dort wird er dann abgeholt. Und - er fährt bereits das 46. Mal die Strecke von Hann. Münden bis nach Hameln !!! Wir tauschen uns noch über die jeweiligen heimischen Paddelreviere aus und langsam kommt mir die Erinnerung, daß ich ihn im letzten Jahr fast genau an der gleichen Stelle getroffen habe. 2015 hat es seit Grohnde jedoch durchweg geregnet.Zu Hause finde ich einen Zeitungsartikel von 2010: Udo Rehefeld ist der Paddler mit der gelassenen Ausdauer, den die untergehende Sonne 10 Kilometer vor dem Ziel nicht aus dem Rhythmus bringt. Schnell noch ein stimmungsvolles Foto, dann wird es in mir wieder unruhig. Vielleicht schaffe ich es in diesem Jahr wieder eine Bratwurst abzubekommen. Das wäre eine schöne Abwechslung zum leckeren aber allgegenwärtigen Nudelsalat.
Die letzten Kilometer ziehen sich doch noch etwas. Der Rückstau des Wehres macht sich jetzt bemerkbar. Ich vergleiche die vor mir liegende Strecke immer wieder mit den Trainingsstrecken auf den Leipziger Gewässern, um mich abzulenken.

Fast wie zu Hause

Noch sechs Kilometer. Das ist die Strecke von unserem Bootshaus am Klingerweg bis zum Kanal28 und zurück, also ein Klacks. Dann kommt endlich die alte Eisenbahnbrücke in Sicht. Ein kleines Empfangskomitee am Steg hilft mir das voll beladene Boot auf die Zeltplatzwiese zu tragen. GESCHAFFT ! Stempel ins Fahrtenbuch, Medaille abholen und Bratwurst sichern ! Ich treffe Udo aus Celle mit seinen Kameraden. Er ist locker drauf und sieht frisch aus. Sie machen sich bald auf den Weg nach Hause.  Die Faltbootwanderer aus Kirchweyhe haben ihre Zelte bereits aufgebaut. Schnell noch die Zeltgebühren loswerden, Duschen und ab in die Waagerechte. Morgen in aller Ruhe weiter bis Rinteln. Zusammen mit Katja, Cord und Co. Sie paddeln ja noch bis nach Hause - kurz vor Bremen. Diese Zeit muß ich mir ein anderes Mal nehmen. Rückenwind und Sonnenschein ist angesagt ! Wir verabschieden uns beim Rintelner Kanu - Club e.V., sehen uns ja Anfang Juni wieder auf der Elbe. Als ich mit dem Auto von Hameln in Rinteln ankomme, sind Ute und Rolf schon fast häuslich eingerichtet. Sie haben auch noch ein paar schöne Tage auf der Weser vor sich. Wir verabschieden uns dann bis spätestens zum Abpaddeln auf der Mulde. Vorher sehen wir uns vielleicht noch auf der Weser-Tidenrallye, dem Sommerfest der Leipziger Kanuten oder wieder zur Weserberglandrallye oder irgendwo auf den Leipziger Flüssen und Seen. Mich treibt es wieder in den alltäglichen Wahnsinn, aber erst einmal nach Hause.

Nach solch einer Fahrt ist das wieder auszuhalten. Es ist halt doch auch Funsport !

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Wir sehen uns !

Ralf Strenge

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AW: Weser-Marathonfahrt – Die schönste Schinderei im Frühling
der Wahnsinn (-: grossen Respekt Ralf
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